DER LEHRMEISTER HACI BEKTAŞ VELİ

 hcbWorte des Herausgebers zum Geleit

Hacı Bektaş Veli (Beiname: Hünkâr) war einer der ein-flussreichsten muslimischen Mystiker Anatoliens. Er ist die unbestrittene Autorität des mit Bezug auf seinen Namen gegründeten Sufiordens der Bektaschiyye und bis heute der ‚ gemeinsame Nenner‘ aller alevitischen Gemeinschaften.
Neben seinen Zeitgenossen Mewlânâ Dschelaleddin Rumi und Yunus Emre steht auch sein Name für Liebe, Toleranz und die Kunst eines harmonischen und friedvollen Zusammenlebens. Doch während Dschelaleddin Rumi und Yunus Emre durch die Forschungsarbeiten einiger Orientalisten im deutschsprachigen Raum inzwischen wohl bekannt sind, liegen Werk und Wirken von Hacı Bektaş Veli noch immer weitgehend im Dunkeln. Die vorliegende Übersetzung des Buches von Prof. Dr. Hüseyin Özcan, das von mir kommentiert wurde, soll hier Abhilfe schaffen.
Nachdem sich das Fachgremium unseres Main-Donau Verlags zu einer Veröffentlichung entschlossen hatte, stellte uns die Bearbeitung dieses Buchs vor einige unerwartete Herausforderungen. Denn die Bektaschilehre und ihre Begrifflichkeiten dürften dem deutschsprachigen Leser erst einmal so fremd erscheinen, dass wir uns gezwungen sahen, viele Termini zu erläutern und in ihrem jeweiligen Kontext zu kommentieren.
Die zum Teil fehlerhafte bzw. fehlende Transkription der authentischen Texte hat uns lange Zeit beschäftigt und viel Kopfzerbrechen bereitet. Aber sie erwies sich als unverzichtbar, denn nur so konnten die korrekten, sinnstiftenden Bedeutungen herausgearbeitet werden. Fachkundige Experten, die die Schriftquellen der Bektaschis kennen, werden nachvollziehen können, dass dies kein einfaches Unterfangen war. Die Anmerkungen unter dem Text und das Glossar am Ende des Buches werden den deutschsprachigen Leserinnen und Lesern dabei helfen, die Vorstellungswelten, Regeln und Grundsätze des Sufismus bzw. der Bektaschis besser zu verstehen.
Die Bektaschilehre ist ausgesprochen facettenreich und tief verwurzelt. Sie hat die Geschichte und die Menschen in Anatolien und auf dem Balkan über 700 Jahre hinweg entscheidend geprägt. Das gilt ganz besonders für die Berufsgenossenschaften und traditionell-islamischen Männerbünde Ahilik und Fütüvvet (die damals wichtigsten zivilgesellschaftlichen Organisationen der türkischen Gesellschaft) und für das Elitekorps der osmanischen Armee, die Janitscharen. Diese Privatgarde der osmanischen Sultane bekannte sich zur Bektaschilehre, deren ethische Grundsätze ihr bis ins frühe 19. Jahrhundert hinein Erfolge sowohl auf militärischer als auch auf spiritueller Ebene bescherten. Ogier Ghislain de Busbecq (1522-1592), Botschafter in Diensten von Ferdinand I., Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nationen, bescheinigte den Janitscharen Enthaltsamkeit, Bescheidenheit, Charakterstärke und Dienstbereitschaft. Er beschrieb ihr Auftreten als das von „Mitgliedern eines Ordens türkischer Mönche oder von Glaubensbrüdern einer muslimischen Schule“. Der Bektaschiorden und die Janitscharen waren so stark miteinander verwoben, dass Sultan Mahmud II. 1826 nicht nur gegen die Janitscharen, sondern auch gegen den Bektaschiorden vorging. Erst 14 Jahre nach der Abschaffung des Janitscharenkorps wurde der Bektaschiorden wieder offiziell zugelassen.
In spiritueller und literarischer Hinsicht brachte die Bektaschilehre legendäre Muslime wie den bereits erwähnten Yunus Emre, Sarı Saltuk, Gül Baba, Cibali Baba, Kaygusuz Abdal, Balım Sultan und andere hervor, die die Menschenliebe im Islam über 500 Jahre lang vorlebten und personifizierten. Hacı Bektas Veli darf als das Samenkorn bezeichnet werden, das alle diese Früchte hervorgebracht hat. Daher verdient er zweifellos unsere Aufmerksamkeit.
Dieses Buch stellt eine Einführung in die Primärliteratur zum Bektaschiorden dar. Es enthält Auszüge (zum Teil auch den ganzen Text) aus folgenden authentischen Werken von Hacı Bektaş Veli:
  • Tefsir-i Fâtiha (vollständiger Text des Kommentars zur ersten Sure des Korans – eine erst kürzlich im British Museum wiederentdeckte Handschrift)
  • Tefsir-i Besmele / Şerh-i Besmele (Kommentar zur Formel „Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen“)
  • Makâlât (Aufsätze)
  • Makâlât-ı Gaybiyye ve Kelimât-ı Ayniyye (Aufsätze über das Verborgene und Worte für die Bilder im Wissen Gottes)
  • Fevâid (Die Nutzen)
  • Şerh-i Hadis-i Erbaîn (Kommentar zu 40 Hadithen)
Ferner enthält es Auszüge aus authentischen Bektaschi-Erkânnâmes (Regelwerken) zu folgenden Themen:
  • Beyân-ı Tâc (Die Krone)
  • Beyân-ı post (Das Fell)
  • Schedd (Der Leibgurt)
  • Hırka (Die Weste)
Diese Originalauszüge sind im Text durch Rahmen besonders gekennzeichnet. Die Fachbegriffe, die im Text vorkommen und zum Teil im Fußnotenapparat gesondert erläutert werden, sind am Ende des Buches auch noch einmal in einem eigenen Kapitel, dem Glossar, zusammengefasst. Im Fußnotenapparat selbst sind die Begriffe aus dem Text, die eigens erläutert werden, der Übersichtlichtkeit halber fettgedruckt, damit der Leser sie auf einen Blick erkennen kann.
Im ersten Kapitel des Buches werden zunächst einige Informationen zur Person und zum Lebensweg von Hacı Bektaş Veli gegeben. Anschließend werden seine Gedankenwelt, der von ihm gegründete Bektaschiorden, die sozio-kulturellen Dimensionen seines Wirkens und das Toleranzverständnis in der türkischen Kultur und bei den Aleviten behandelt. Im zweiten Teil sollen die Regeln und Grundsätze der Bektaschis und das Leben als Derwisch mit authentischen Quellen belegt und ausführlicher beschrieben werden. Es folgen Kommentare zu Hacı Bektaş Velis einzelnen Werken und Auszüge und Zitate daraus. Erstmals überhaupt wird hier auch der vollständige Text der Tefsir-i Fâtiha abgedruckt. Anschließend soll herausgearbeitet und anhand zahlreicher Textstellen belegt werden, dass der Prophet Muhammed für Hacı Bektaş Veli eine überaus wichtige Referenz war. Den Abschluss dieses Buches bilden sodann einige Legenden aus dem Leben von Hacı Bektaş Veli.
Danken möchte ich im Namen unseres Verlages zu allererst unseren Übersetzern Mehmet Oyran und Abdullah Kulaç, die sich bemüht haben, das Buch von Prof. Dr. Hüseyin Özcan möglichst korrekt und lesefreundlich zu übertragen. Und auch unserem erfahrenen, gewissenhaften Lektor Wilhelm Willeke sind wir zu Dank verpflichtet. Er hat mit seinen Feedbacks und Korrekturen einen wichtigen Beitrag zur Entstehung dieses Buchs geleistet.
Wir sind der festen Überzeugung, mit unserer Arbeit nicht das letzte Wort zu Hacı Bektaş Veli oder zur Bektaschilehre gesagt zu haben, und hoffen darauf, neues Interesse an den schriftlichen Quellen des Bektaschi- und Alevitentums entfachen zu können. Trotz aller Sorgfalt, die wir bei der Redaktion des Textes und seines Kommentars an den Tag gelegt haben, ist natürlich nicht ausgeschlossen, dass sich hier und da ein Fehler eingeschlichen hat. In diesen Fällen fühlen wir uns geehrt, von unseren sach- und fachkundigen Leserinnen und Lesern korrigiert zu werden.
Beschließen möchte ich diese kurzen Worte mit einem berühmten Aufruf von Hacı Bektaş Veli an die ganze Menschheit:
„Lasst uns einig, stark und lebendig sein“
                                                                                                                                    Arhan Kardaş
Frankfurt, 19. Dezember 2014
 ***
Auszüge aus dem Makâlât
Hacı Bektaş Veli beschreibt das Modell der 4 Pforten und 40 Rangstufen in seinem Werk Makâlât wie folgt: Die erste Stufe von Şeriat ist die Artikulation des Glaubensbekenntnisses,
die zweite Stufe der Erwerb von Wissen.
Die dritte Stufe besteht darin, das Gebet zu verrichten, die Pflichtabgabe (Zekât) zu leisten, zu fasten, die Pilgerfahrt (Hadsch / türk. Hacc) zu vollziehen, sofern man die Möglichkeit dazu hat, im Kriegsfall nicht zu fliehen, sondern sich dem Feind entgegenzustellen, und sich von körperlichen Unreinheiten zu säubern.
Die vierte Stufe verlangt, auf rechtmäßige Weise sein Geld zu verdienen und keine Zinsen zu nehmen,
und die fünfte Stufe, den Bund der Ehe zu schließen.
Die sechste Stufe ist die Sauberkeit,
die siebte Stufe die Zugehörigkeit zur Sünnet und zur Gemeinschaft,
die achte Stufe die Barmherzigkeit.
Die neunte Stufe erfordert, sich rein [helal] zu ernähren und sich sauber zu kleiden.
Die zehnte Stufe besteht darin, das Gute zu gebieten und vom Schlechten abzuraten. (Emri bil ma’ruf nehyi an’il-munker).
Auf der ersten Stufe von Tarikat tut man unter Anleitung eines Meisters Buße.
Auf der zweiten Stufe wird man zum Mürid (Schüler).
Auf der dritten Stufe schneidet man sich die Haare und wechselt die Kleidung.
Auf der vierten Stufe kämpft man mit dem eigenen Ego und bemüht sich um innere Reife.
Auf der fünften dient man den Menschen.
Auf der sechsten eignet man sich Gottesfurcht, auf der siebten Stufe Hoffnung und auf der achten Gewand, Beutel, Schere, Gebetsteppich, eine Gebetskette mit 100 Perlen, Nadel und Stab an.
Auf der neunten Stufe übernimmt man eine Aufgabe in der Gemeinschaft, hört auf Ratschläge und ist hingebungsvoll.
Auf der zehnten Stufe erwirbt man sich Liebe, Enthusiasmus, Freude und Armut.
Die erste Stufe von Marifet (Erkenntnis) ist Wissen, die zweite Großzügigkeit, die dritte Scham, die vierte Geduld, die fünfte Enthaltsamkeit, die sechste Furcht, die siebte Anstand, die achte Armut, die neunte Weisheit und die zehnte Selbsterkenntnis.
Die erste Stufe von Hakikat (Wahrheit) besteht darin, zu Erde zu werden, die zweite darin, die 72 Völker nicht zu demütigen, die dritte darin, großzügig zu sein, die vierte darin, dass alle erschaffenen Geschöpfe vor einem sicher sind.
Die fünfte Stufe besteht darin, dass man das Antlitz des Schöpfers und das Licht des Propheten Muhammed findet, die sechste darin, im Sohbet [in einem religiösen Gesprächskreis] die Geheimnisse der Wahrheit zu verkünden; die siebte ist das Mysterium, die achte besteht darin, […], die neunte darin, inbrünstig zu beten, die zehnte darin, Gott zu finden.
Über das Fell (Der beyân-ı post)1
Der Kopf des Postes (des Fells) symbolisiert die Ergebenheit.
Die Füße repräsentieren den Dienst.
Die rechte Seite des Postes symbolisiert permanente Aktivität.
Die linke Seite verweist auf die Auslöschung der Gelüste.
Die Außenseite des Postes strahlt wie die Sonne.
Die Innenseite symbolisiert Vorsicht.
Die Mitte des Postes deutet auf die Liebe.
Die Gebetsnische (Mihrab) des Postes ist die Schönheit Gottes.
Sein Osten ist sein Mysterium, sein Westen die Schau Gottes.
Seine Bedingung ist es, Demut vor den Derwischen zu haben.
Seine Seele ist es, die Worte „Gott ist groß!“ zu sprechen.
Sein Gesetz (Şeriat) ist es, sich aufzulösen und zu entwerden.
Sein Weg (Tarikat) ist die Gottesfurcht.
Seine Erkenntnis (Marifet) ist die Zufriedenheit.
Sein Pir ist die Ehrfurcht vor den Pirs.2
Seine Essenz und Wahrheit (Hakikat) sind der Ort der Bestimmung [das Paradies], die Vereinigung mit Gott und das Gottesvertrauen.
Wenn man aufgefordert wird, sich auf den Post zu setzen, nimmt man den Platz ein, der einem zugewiesen wird.3
Auf den vier Seiten des Postes steht geschrieben: „Ich erhöhe dich, o Ali. Ich beschenke dich, o Ali. Ich grüße dich, o Ali. Ich beschenke dich, o Ali.“4
Den grundlegenden Bektaschiwerken zufolge ist der Rang des Postes sein Pir.5
Das Gesicht des Postes ist dem Pir zugewandt.
Seine Rechte ist die rechte Hand.
Seine Linke ist die linke Hand.
Die Gebetsrichtung meines Körpers ist Mekka.
Die Gebetsrichtung meines Herzens ist das Beytu’l- Mâmûr.6
Die Gebetsrichtung meiner Vernunft ist der Herrschaftsthron Gottes.
Die Gebetsrichtung meines Denkens ist die Herrschaftskanzel Gottes.7
Die Gebetsrichtung meines Geistes ist die Schönheit des Schöpferwesens.
Auf der Stufe von Şeriat bin ich der Sohn Adams,
Auf der Stufe von Tarikat der Sohn des Weges,
Auf der Stufe von Marifet der Sohn der Vollkommenheit,
Auf der Stufe von Hakikat ist der Himmel mein Vater und die Erde meine Mutter.
Dieser Weg tötet das Ego und lässt das Herz aufleben.
Ich schaute die Einheit Gottes, indem ich mein Ego tötete und mein Herz aufleben ließ.
Wenn ich meinen Pir nicht sehe, bin ich tot,
Wenn ich ihn sehe, bin ich lebendig.
Auf meinem Kopf die Krone des Glücks,
In meinen Augen das Gebet des Gehorsams,
Auf meinen Brauen der Stift der Macht,
In meinen Augen das Licht der Gottesfreundschaft und die warnende Lehre,
In meinen Ohren die Stimmen von Muhammed und Ali,
In meiner Nase der Duft des Paradieses,
Auf meinem Antlitz das Licht der Liebe,
In meinem Mund das Bekenntnis zum Glauben,
In meiner Brust die Weisheit des Korans und das Geheimnis des Allmächtigen,
In meiner Hand das Bündel des Vertrauens und der Gottesfreundschaft,
Um meine Lenden das Band der Rechtleitung,
Auf meinen Knien der Trank der Dienerschaft,
Auf meinen Füßen die Grundsätze der Scheyhs,
Vor mir das Nasib8,
Hinter mir der Tod.
Als die Derwische mich ansahen, reinen Blickes,
Befanden sich meine Hand auf meinem Kopf und mein Kopf in meiner Hand.9
Mein Halfter lag bei meinem Rehber10,
Meine Augen ruhten auf meinem Mürşid,
Mein Inneres weilte bei den Derwischen
Und mein Bund bei Muhammed und Ali,
Mein Selbst hatte keine andere Wahl,
So senkte ich also meine Stirn zu Boden.
Frage: Wer ist ein Derwisch?
Antwort: Ein Derwisch ist der, der sich vollständig von seinem Sein löst. Und würde sich auf einmal die ganze Welt auflösen – er hätte trotzdem keine Sorgen, und ihm wäre nicht bange.
Frage: Was ist der Kopf und was ist der Fuß [Was ist das A und O] des Derwischs?
Antwort: Sein Kopf ist die Aufrichtigkeit. Er soll die Aufgabe, die ihm gestellt wurde, aus tiefstem Herzen erledigen, ohne sie einem anderen unter die Nase zu reiben, auf dass er das Geheimnis der Dienerschaft ergründe. Seine Füße sind die Loslösung von seiner Existenz (die völlige Preisgabe seines Egos) und die Bereitschaft, dem Amt des Postes immer zur Verfügung zu stehen.
Frage: Wessen Sohn, also wessen Mürid (Schüler) bist du?
Antwort: Ich bin der Sohn des Weges11, der Sohn von Muhammed und Ali und ihr Schüler. In einem Hadith heißt es: Wer einem Volk ähnelt, gehört zu ihm.12
Frage: Wie viele Normen (Ahkâm) gibt es in der Tarikat?
Antwort: Sechs.
  1. Reue
  2. Gottergebenheit
  3. Reinheit
  4. Charakterstärke
  5. Genügsamkeit
  6. Selbstachtung
Frage: Gibt es weitere Normen [auf der Ebene der Tari kat]?
Antwort: Sechs.
  1. Erkenntnis
  2. Großzügigkeit
  3. Verbundenheit – Treue gegenüber dem Derwischorden oder Arbeit für den Orden.
  4. Treue und Ehrlichkeit
  5. Kontemplation und Einsicht
  6. Gottvertrauen13
Daneben gibt es sechs Grundsätze (Erkân) [auf der Ebene der Tarikat].
  1. Wissen
  2. Geduld
  3. Genügsamkeit
  4. Zufriedenheit [mit den Entscheidungen Gottes]
  5. Kontemplation und Einsicht
  6. Gottvertrauen
Der Begriff der Wahrhaftigkeit (Ihlas) zeichnet sich 14 [auf der Ebene der Tarikat] ebenfalls durch sechs Punkte aus:
  1. Wohlverhalten. Das stete Bemühen, gute Taten zu vollbringen.
  2. Gottesgedenken (Zikir). Die stete Erinnerung an Gottes Erhabenheit.
  3. Wunschlosigkeit. Die Absage an profane Wünsche.
  4. Begierdelosigkeit. Die Absage an alles, was dem Ego und dem Trieb gefällt.
  5. Angst. Das achtsame Vermeiden aller Handlungen, die Gottes Wohlgefallen widersprechen.15
  6. Eifer und Begeisterung. Das Entfachen glühender Begeisterung für Gott, den Propheten und Ali.

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Prof. Dr. Hüseyin Özcan wurde 1966 in Salihli/Manisa in der Türkei geboren. Der ausgewiesene Spezialist für die türkische Sprache und Kultur promovierte zu den Regeln und Normen der Bektaschis (Bektaşî Âdâp ve Erkânı). Er hat bereits mehrere Aufsätze zu diesem Themenkomplex verfasst und auf vielen Tagungen und Seminaren Vorträge dazu gehalten. Prof. Hüseyin Özcan ist derzeit am Institut für Türkische Sprache und Literatur der Fatih Universität in Istanbul tätig.
Arhan Kardas wurde 1974 in Bolvadin/Afyonkarahisar in der Türkei geboren. Er studierte Rechtswissenschaften, Philosophie und Geschichte in der Türkei, bevor er nach Wien und später nach Offenbach und Frankfurt a. M. ging. Seit 2012 ist er dort Chefredakteur des Main-Donau Verlags. Nebenbei hält er gelegentlich Vorträge zu Themen wie Medien, Menschenrechte, Religion, Sufismus, Theologie und zum interkulturellen und interreligiösen Dialog.

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1 Der Post ist ein Lammfell, auf dem der Pir oder der Mürşid sitzen. Es symbolisiert das Amt des Oberhauptes eines spirituellen Ordens. Dieses Oberhaupt wird mit Bezug auf den Post Postnişin genannt (persisch: der auf dem Post Sitzende). Der Postnişin ernennt die Babas (Leiter) der Tekkes (Konvente). Den verschiedenen Bereichen des Posts werden im Folgenden ganz bestimmte Bedeutungen zugeschrieben.
2 Das heißt: Der Respekt und die Ehrfurcht vor dessen Amtshandlungen.
3 Dieser Grundsatz enthält zwei Gebote. Erstens ist kein Rücktritt vom Amt des Postes möglich. Zweitens darf der Amtsinhaber, der Postnişin, seine Grenzen nicht überschreiten.
4 Ea-zamtu ileyke ya Ali ekremtu ileyke ya Ali, eslemtu ileyke ya Ali en’amtu ileyke ya Ali.
5 Das, was den Post ausmacht, ist der Rang des Pir.
6 Mit Beytu’l-Mâmûr ist der metasphärische Überbau der Kaaba gemeint, der bis zum Himmel reicht. Siehe dazu auch: Der Koran, 52:1-7.
7 Kursi ist die Bezeichnung der Gotteskanzel, die die Himmel und die Erde umfasst. Einer Überlieferung des Propheten zufolge ist die Größe des ganzen Universums im Verhältnis zur Kursi, ist wie ein Armreif in der Wüste.
8 Nasib almak: bedeutet im Bektaschitum, dass man feierlich in den Orden aufgenommen wird.
9 Ein Hinweis auf absolute Bereitschaft und Ergebenheit
10 Ein Hinweis darauf, dass der Wegweiser ihn lenkte
11 Es gibt zwei Zugänge zum Bektaschitum: Bel oğlu und Yol oğlu. Yol oğlu bedeutet, dass man nicht in genealogischer Abstammungslinie zum Bektaschitum steht, sondern sich aus Überzeugung als Bektaschi bekennt. Den Grundprinzipien der Erkânnâme zufolge ist die bloße Zugehörigkeit zur Familie des Propheten kein Kriterium dafür, ein Bektaschi zu sein. Dafür ist auch der Zugang Yol oğlu unerlässlich. In einem Erkânnâme wird über Musa Kazım, den siebten Imam erzählt, dass er eines Tages in tiefer Trauer weinte, woraufhin man ihn fragte: „Warum weinst du? Du bist doch ein Nachfahre des Propheten.“ Er antwortete: „Es nützt mir nichts, dass ich von Muhammed [und] Ali abstamme. Weil Gott sagt: Wenn aber dann in die Posaune (der Auferstehung) gestoßen wird, wird es keine Verwandtschaftsbande mehr zwischen ihnen geben (die irgendeinen Nutzen bringen könnte), noch werden sie nach einander fragen (weil jeder viel zu sehr mit seinem eigenen schlimmen Los beschäftigt ist, um an andere zu denken).“ (Der Koran, 23:101)
12 Die Aufnahme in die Familie des Propheten kann dadurch hergestellt werden, dass man sich eine ähnliche Lebensweise wie die des Propheten aneignet. Selmân-i Fârisi ist in dieser Hinsicht ein gutes Beispiel. Er war Perser, aber der Prophet zählte ihn trotzdem zu seinen Familienangehörigen.
   13 Auch hier taucht die Schlüsselzahl 12 wieder auf.
   14 Die Bektaschiquellen greifen oft auf das rhetorische Mittel der Personifikation zurück. Begriffe wie Tâc, Hırka, Post, Şedd (Leibgurt) werden in ihren Beschreibungen personifiziert. Hier wird der Orden bzw. die Tarikat als eine Person beschrieben, deren Wahrhaftigkeit in gewissen Eigenschaften liegt.
   15 Die an vielen Stellen erwähnte Ehrfurcht vor Gott wird hier als eine Situation beschrieben, in der man den, den man selbst liebt und nach dessen Liebe man sich sehnt, aus Angst bzw. Achtsamkeit nicht verletzt.
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